Pont Saint-Bénézet – Einst die längste Brücke Europas

Der Pont Saint Bénézet liegt in unmittelbarer Nähe des berühmten Papstpalastes und gehört heute zum Unesco-Welterbe „Historisches Zentrum von Avignon“.

Pont Saint-Bénézet

Sur le pont d’Avignon, on y danse, on y danse. Fast jedes Kind kennt dieses kleine Lied, ohne eigentlich genau zu wissen, um welche Brücke es sich dabei handelt. Umso schöner, wenn man dann im Erwachsenenalter nach Südfrankreich in die Provence reist und in Avignon Bekanntschaft mit dem Bauwerk schließt, das im Lied besungen wird. Der Pont Saint Bénézet liegt nahe des Papstpalastes und gehört inzwischen zum Unesco-Welterbe „Historisches Zentrum von Avignon“. Wer zum ersten Mal dorthin reist und eine imposante, intakte Brücke erwartet, sei ein klein wenig vorgewarnt. Die Brücke ist zwar eindrucksvoll, intakt ist sie jedoch nicht mehr. Was von ihr über die Jahrhunderte übrig geblieben ist, reicht jedoch, um auch heute noch ihre einstige Größe und architektonische Bedeutung erahnen zu können.

Ohne Geschichte geht in Avignon gar nichts

Wenn man ausschließlich von der Fläche – keine 65 Quadratkilometer – und der Einwohnerzahl – knapp 90.000 – ausgeht, dann ist Avignon eine eher unterdurchschnittliche Stadt irgendwo im Süden Europas. Aber Moment, Avignon liegt in der Provence und vor allem: Avignon hat Geschichte. Eine Geschichte, die dieser Stadt an der Rhône bis heute jeden Sommer wahre Heerscharen an Touristen beschert. Dabei waren es insgesamt nur 70 Jahre, in denen Avignon dem großen Rom den Rang ablaufen konnte. Diese 70 Jahre aber hatten es in sich; nicht nur für die Stadt selbst, sondern für die gesamte Geschichte Europas.

Der Aufstieg Avignons beginnt in Rom, im Vatikan. Dort finden zu Beginn des 14. Jahrhunderts derart heftige Machtkämpfe statt, dass der neu gewählte Papst Clemens V. die Unterstützung des französischen Königs sucht, um Italien, Rom und seine Widersacher verlassen zu können. Der Plan geht auf. Clemens wird als erster Papst der Geschichte auf französischem Boden gekrönt und zieht 1309 nach Avignon. Dort beginnt in der Folge eine rege Bautätigkeit. Den Päpsten und ihren Gönnern verdankt die Stadt den berühmten Papstpalast, die Stadtmauer und nicht zuletzt auch den Pont Saint Bénézet. Die Brücke ist zwar von ihrer Anlage her noch deutlich älter, wurde aber in dieser Phase verstärkt und ausgebaut.

In jeder Beziehung dramatische Entwicklungen

Dramatisch wurde es, als Papst Gregor XI. im Jahr 1377 den Sitz des Papstes nach Rom zurückverlegte, natürlich gegen den Willen des französischen Königs. Als mit Urban VI. sein Nachfolger gewählt wurde, waren die französischen Kardinäle damit gar nicht einverstanden. Sie machten Clemens VII. zum Gegenpapst, der seinerseits wieder von Avignon aus wirkte. In den Geschichtsbüchern heute wird diese Phase als das „Große abendländische Schisma“ bezeichnet, das die katholische Kirche nachhaltig spaltete. Es wurde erst 1414 mit dem Konzil von Konstanz überwunden. Bis dahin hatte Avignon die Regentschaft von sieben römischen Päpsten und zwei von Rom nicht anerkannten Gegenpäpsten erlebt.

Sie alle dürften über den Pont Saint Bénézet geschritten oder kutschiert worden sein, der damals mit seinen 22 Bögen auf einer geschätzten Länge von 900 Metern die längste Brücke Europas gewesen ist. Die Brücke führte über beide Arme der Rhône sowie über die Flussinsel Île de la Barthelasse. Heute sind von ihren einst 22 Bögen leider nur noch vier erhalten.

Pont Saint-Bénézet

Was für ein mächtiges und Ehrfurcht einflößendes Bauwerk der Pont Saint Bénézet im frühen Mittelalter gewesen sein muss, ergibt sich schon aus den Maßen. Ein Bogen ist 33 Meter breit und 13 Meter hoch. Die Brücke ist vier Meter breit und ruht auf Pfeilern mit je einem Durchmesser von acht Metern. Die sind stark genug, um als Grundfeste für wichtige Aufbauten zu dienen. So ließen die Päpste darauf sowohl einen Wachturm als auch eine Doppelkapelle errichten. Die obere Kapelle ist dabei Nikolaus von Myra geweiht, die untere dem Namensgeber der Brücke, dem heiligen Bénézet. Heute ist die Kapelle allerdings nur noch eine Ruine.

Die Macht der Elemente

Es waren jedoch nicht nur die unruhigen politischen Verhältnisse, die der Brücke über die Jahrhunderte zusetzten. Immer wieder erlitt sie auch durch Hochwasser schwere Schäden. Nachdem im Jahr 1660 ein großes Hochwasser erneut für Chaos und Zerstörung gesorgt hatte, wurde die Brücke aufgegeben und man verzichtete auf eine erneute Instandsetzung. Nach und nach nahm das Wasser immer mehr von dem einst so stolzen Pont de Bénézet mit sich, bis nur noch die heutigen vier Bögen übrig waren. Die letzte offizielle Ehre, die man dem Bauwerk erwies, fand im Jahr 1840 statt. Damals wurde sie in die staatliche Denkmalschutzliste aufgenommen.