Mercantour-Nationalpark – In den Seealpen

Er könnte einmal zum ersten „europäischen Nationalpark“ der Geschichte werden. Bereits heute ist der Nationalpark Mercantour in der südfranzösischen Provence etwas ganz Besonderes. Er besteht aus zwei Zonen, einer unbewohnten und einer bewohnten, und er ist durch eine vertraglich fixierte Zusammenarbeit mit einem ähnlichen Nationalpark in Italien verbunden.

Das hat historische Ursachen. Noch bis 1947 gehörten Teile des heutigen Parks der italienischen Krone und dienten dem König als Jagdrevier. Heute darf sich hier auch das Volk verlustieren, das Jagen ist aber unabhängig von Titeln und Status natürlich für alle verboten. Ebenso wie der befreundete (und benachbarte) italienische „Parco Naturale delle Alpi Marittime“ sind die Seealpen und ihre alpinen Landschaften auch im Nationalpark Mercantour das bestimmende Thema. Ob Flora oder Fauna, das Leben in den Dreitausender-Regionen kann hier eindrucksvoll studiert und erlebt werden. Darüber hinaus macht der Mercantour-Nationalpark allerdings auch noch durch etwas anderes von sich reden. Im „Tal der Wunder“ haben unsere Vorfahren nämlich Felszeichnungen hinterlassen, die aus der Steinzeit stammen sollen und somit zu den frühesten Zeugnissen menschlichen Künstlertums gehören.

Nur ein Wasserfall zerreißt die Stille

Egal, wo man in Südfrankreich Urlaub macht, ein Besuch im Mercantour-Nationalpark sollte zum Pflichtprogramm gehören. Eine besonders schöne Anfahrroute startet in Nizza. Von dort aus geht es in Richtung St. Martin/ Vésubie nach Norden. Kurz vor Roquebillière wird zum Dörfchen Belvédère abgebogen und der Straße nach St. Grat gefolgt. Jetzt ist der Besucher bereits in einer eindrucksvollen, dabei aber sehr stillen alpinen Landschaft angekommen. Die Stille währt jedoch nicht lange, denn unmittelbar an der Straße stürzt sich ein enormer Wasserfall – der „Cascade du Ray“ – in die Tiefe. Schließlich führt die Straße auch zu einem Parkplatz, von dem aus diverse Wanderungen gestartet werden können.

Bitte gut vorbereiten und aufs Wetter achten!

Der Mercantour-Nationalpark ist wunderschön, aber er ist auch unberechenbar. Das Wetter kann schnell umschlagen. Vor allem längere Touren sollten gut vorbereitet und nur mit entsprechender Ausrüstung unternommen werden. Wenn Zeitangaben gemacht werden, dann sollte man die eigene Fitness kritisch bewerten. Vom erwähnten Parkplatz aus wird die Zeit zum „Tal der Wunder“ zum Beispiel mit fünf Stunden angegeben. Dieser Zeitraum kann sich bei ungeübten Wanderern schnell deutlich vergrößern, denn es gilt, diverse hundert Meter Höhenunterschied zu überwinden. Gute Vorbereitung und eine realistische Planung sind deshalb wirklich wichtig.

Dann aber steht der Freude an diesem wunderschönen Nationalpark nichts im Wege. Seine Kernzone ist von Menschen unbewohnt und bietet Natur pur mit seltenen Pflanzen und Tieren, wie man sie sonst nur aus Heimatfilmen kennt. Hier leben Gämsen und Steinböcke, Adler und Auerhähne. Nicht verschwiegen werden soll, dass auch Wölfe das Gelände durchstreifen. Insgesamt warten rund 600 Kilometer Wanderwege (Checkliste für den Wander-Urlaub in der Provence) unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade darauf, erobert zu werden. Wie wäre es mit einem Ausflug zum Lac d’Allos, der als größter natürlicher Bergsee auf einer Höhe von 2200 Metern gilt?

Der Park umfasst sieben Dreitausendergipfel, von denen der Cime de Gélas mit 3143 Metern der höchste ist. Auch der südlichste Dreitausender der Alpen überhaupt, der Mont Clapier (3045 Meter), befindet sich im Park. An der Peripherie des Parks befinden sich knapp 30 kleine Dörfer, die alle ebenfalls durchaus einen Besuch wert sind. Pro Jahr nehmen rund 800.000 Besucher die Einladung an und bevölkern den Nationalpark Mercantour.

Grüße aus der Vergangenheit

Wer es ins Tal der Wunder („Vallée de Merveilles“) oder ins Tal der weißen Quelle („Vallee de Fontanalbe“) schafft, der kann sich auf Zehntausende von Felsbildern gefasst machen. Hier haben Menschen, die wahrscheinlich in der späten Steinzeit oder der frühen Bronzezeit gelebt haben, ihre Eindrücke in den Felsen geritzt. Man begegnet Menschen und Tieren, Waffen und Werkzeugen sowie geheimnisvollen geometrischen Mustern. Kunsthistoriker glauben, dass die Urheber dieser frühen Kunst Hirten gewesen sein könnten.