Abtei Thoronet – Eine Baugeschichte wird zum Roman

Wer die Provence bereist, der kann – wenn er denn mag – tief in die Geschichte des Zisterzienser-Ordens eintauchen. Hier, wo der Orden im 11. Jahrhundert seine Anfänge genommen hat, stehen auch die ältesten Klöster, Kirchen und Abteien des Ordens – oder das, was von ihnen nach all den Jahrhunderten übrig geblieben ist. Eine Abtei, die auch von Architekturfans sehr gern besucht wird, ist die „Abbaye du Thoronet“, zu Deutsch die Abtei Thoronet.

Ihre Mauern spiegeln nicht nur die aufs Geistige fokussierte und sehr schlichte klösterliche Lebensweise eindrucksvoll wider. Der Stil ist eindeutig auch bereits entscheidender Vorläufer der Gotik, die bald darauf überall in Europa das Gesicht sakraler Bauten beherrschen sollte.

Waldeinsamkeit nahe am Fluss

Es war ein abgelegenes und waldreiches Tal, in dem sich einige Mönche des Ordens Mitte des 12. Jahrhunderts niederließen. Sie hatten dort einen Platz an einem kleinen Fluss gefunden, der für ihr Vorhaben ideal war. Andere Mönche taten es ihnen gleich und verließen die provisorischen und überfüllten Räumlichkeiten der Gründungsabtei Mazan. So entstanden in nicht allzu großer Entfernung voneinander mehrere Abteien, die heute den Beinamen „die provenzalischen Schwestern“ tragen. Die Abtei Thoronet ist „nur“ die zweitälteste dieses Trios, sie gilt aber als das architektonische Juwel unter den dreien. Die beiden anderen „Schwestern“ sind die Abtei Silvacane und die Abtei Sénanque.

Wer heute den einst so magischen Platz der ersten Mönche erreichen möchte, der sollte das Auto nehmen und sich der N 7 oder der A 8 bedienen. Von Aix-en-Provence aus geht es auf der A8 bis zur Ausfahrt Nummer 35, auf der N 7 bis nach Cannet des Maures. Jeweils von dort aus geht es auf der D 79 weiter bis zur Abbaye du Thoronet.

Von Cannes aus nimmt man entweder die N 7 bis Féjus, dann kurz auf die D 17 und schließlich auf die D 79 zur Abbaye. Auf der A 8 geht es bis zur Ausfahrt Cannet des Maures.

Schicksalhaftes Auf und Ab

Im Jahr 1160 fingen die Mönche mit dem Bauen an, 30 Jahre später war ihr Werk vollendet. Wie fast alle Zisterzienser-Klöster genoss auch die Abtei Thoronet in jener Zeit großzügige Unterstützung und Förderung. Der Orden wurde aus politischem oder aus religiösem Kalkül mit Land beschenkt oder erhielt finanzielle Zuwendungen. Den Mönchen war’s recht. Ihre Ländereien und die Abtei wuchsen, blühten und gediehen. Ein paar Jahrhunderte lang konnten sie so in Frieden leben und Anfang des 15. Jahrhunderts sogar noch ein großes neues Refektorium errichten lassen. Doch es sollte nicht immer so gut für sie weitergehen.

Mit den Pest-Epidemien und den politischen Umwälzungen in Europa versiegte das Interesse an dem Orden und er verlor nach und nach an Bedeutung. Das hatte Folgen für die Gebäude. Da zunehmend weniger Mittel für die Instandhaltung zur vorhanden waren, verfielen sie. Im 17. Jahrhundert soll sich die Abtei schließlich in einem besorgniserregenden Zustand befunden haben. Einige Umbauten und Ausschmückungen, wie etwa eine Stuckverzierung für den Kirchenraum, verschlimmbesserten den Zustand zusätzlich.

Im 18. Jahrhundert schließlich kam die Französische Revolution und mit ihr die Säkularisierung der Abtei Thoronet. Die wenigen verbliebenen Mönche mussten gehen. Doch auch die Revolution war nicht von Dauer. Schon wenige Jahrzehnte später übernahm der Staat die Abtei. Die Fachleute erkannten schnell, welch kulturgeschichtlich bedeutende Gebäude Frankreich damit erworben hatte. Die Abtei wurde ab 1841 nach und nach restauriert und das in einem sehr modernen Sinn. Man setzte nämlich alles daran, die Bauten wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen; Umbauten und Dekorationen wurden wieder entfernt. So entstand das, was heute als architektonisches Juwel des späten romanischen Stils mit deutlichen Verweisen auf die nachfolgende Gotik gilt. Um nur ein Beispiel für diese These zu nennen: Die Kirche weist einen Turm auf. Das ist für andere Kirchen im Zisterzienser-Orden ganz unüblich, weil eigentlich eine schlichte, schmucklose Bauweise gepredigt wurde.

Eine Kirche mit romanhafter Baugeschichte und großartiger Akustik

Betritt man das Kirchenschiff der Abtei, fällt es sofort auf: Die Kirche hat eine besonders gute Akustik. Nicht zuletzt deshalb finden dort immer wieder wunderbare Konzerte statt, die keineswegs immer nur geistliche Musik bieten. Es lohnt sich, sich vor einem Besuch darüber zu informieren. In den schönen Künsten ist die Abtei aber nicht nur wegen ihrer Akustik berühmt. Ihre wechselvolle Baugeschichte ist Inhalt eines Romans, der auf die tatsächlichen Ereignisse Bezug nimmt. „Singende Steine“ ist der deutsche Titel des Romans von Fernand Pouillon, der Untertitel lautet „Die Aufzeichnungen des Wilhelm Balz, Baumeister des Zisterzienserklosters Le Thoronet“. Das Buch mit der ISBN 3-423-12685-X erschien im Juni 1999 und ist bis heute als DTV-Taschenbuch erhältlich.

Praktische Hinweise rund um einen Besuch in der Abtei Thoronet

Während der Hochsaison vom 1. April bis zum 30. September ist die Abtei jeden Tag von 10.00 bis 18.30 Uhr geöffnet. In der übrigen Zeit des Jahres gibt es verkürzte Öffnungszeiten sowie eine Mittagspause. Der letzte Einlass ist jeweils 30 Minuten vor Schließung. Der Eintrittspreis liegt derzeit bei acht Euro für Erwachsene, die ermäßigten Preise betragen 6,50 Euro.

Die Abtei Thoronet in aller Kürze

  • 1160 als Abtei des Zisterzienser-Ordens gegründet
  • 1190 waren die ursprünglichen Bauten vollendet
  • Anfang des 15. Jahrhunderts wurde das Refektorium fertiggestellt
  • Architektonisches Juwel des zur Gotik überleitenden romanischen Stils
  • Säkularisierung der Abtei während der Französischen Revolution
  • In der Hochsaison täglich von 10 bis 18.30 Uhr geöffnet
  • Eintritt für Erwachsene kostet acht Euro