Das Theater von Orange – Hier hatten schon die alten Römer ihren Spaß

Spätestens seit Asterix und Obelix weiß jedes Kind, dass die Römer vor rund zwei Jahrtausenden über Gallien geherrscht haben. Was auch immer man davon politisch halten mochte oder mag, eines muss man den antiken Eroberern lassen: Sie hatten Sinn für Vergnügungen und sie haben sehr, sehr nachhaltig gebaut. Orange, eine zauberhafte kleine Stadt in der Provence in Frankreich – so der aktuelle Name Galliens – beherbergt dafür wohl das beste Beispiel. Die größte Touristenattraktion von Orange ist nämlich das „Römische Theater“. Es gilt als eines der besterhaltenen antiken Theater überhaupt und ist bis heute in Betrieb.

Zwischendurch allerdings, das muss der Wahrheit halber erwähnt werden, diente es auch anderen Zwecken und drohte zeitweise sogar schon mal ganz zu verfallen. Als das Theater im 1. Jahrhundert n. Chr. erbaut wurde, war das Römische Reich noch kraftvoll und intakt. Die Machthaber damals wussten, wie man das Volk vom politischen Alltag ablenkte: Mit Spielen und Vergnügungen. So hielt man es auch in Orange.

Um möglichst schnell, aber auch möglichst sicher ein großes Theater bauen zu können, entschloss man sich, es am Rande eines Hügels zu errichten. Das war gut für die Statik und ideal für die ansteigenden Ränge des Amphitheaters. Allerdings mussten diverse Gänge direkt in das Felsgestein hineingeschlagen werden, was die Arbeit nicht gerade erleichterte. Als das Gebäude schließlich errichtet war, bot es stolzen 10.000 Besuchern Platz. Sie bekamen in ihrem neuen Römischen Theater all das geboten, was auch im Rest des Imperiums dazu diente, den Mächtigen nicht zu sehr auf die Finger zu schauen. Man veranstaltete pantomimische Aufführungen, Zirkusdarbietungen und organisierte Dichterlesungen, die nicht selten den ganzen Tag über andauerte. Schon vor 2000 Jahren zeichnete sich das Theater durch eine hervorragende Akustik aus die dafür sorgte, dann man auch auf den billigen Plätzen so gut wie jedes Wort verstehen konnte. Wobei die teuren und die billigen Plätze eine Erfindung der Neuzeit sind. In der Antike stand das Theater allen offen und der Eintritt war grundsätzlich frei.

Ebenso eindrucksvoll wie das Hören war (und ist) aber natürlich auch das Sehen. Für die antiken Produktionen wurden enorme Bühnenbilder hergestellt, deren Hintergrund eine riesige Bühnenwand bildete, die bis heute erhalten ist. Um sie herum sind die Sitzreihen in einem ansteigenden Halbkreis angeordnet, die allen Zuschauern freie Sicht auf das Geschehen garantierte.

1500 Jahre Plünderung, Zweckentfremdung und Verfall

Ein paar Jahrhunderte ging der Spaß gut. Doch dann zerfiel das Römische Reich und die Herrschaft der katholischen Kirche begann. Sie ließ das Amphitheater in Orange schließen und läutete damit eine Ära des Niedergangs ein. Man schrieb inzwischen das 4. Jahrhundert n. Chr. und die Zeitgenossen waren nicht zimperlich. Das Theater wurde geplündert und als Steinbruch genutzt. Dennoch blieb das imposante Bauwerk stark genug, um zwischendurch immer mal wieder als Bollwerk für Gruppen zu dienen, die sich vor Feinden und Verfolgern schützen wollten.

Aber auch umgekehrt wurde ein Schuh draus. So bildete die spektakuläre Bühnenwand während der Französischen Revolution den Hintergrund für ein trauriges Gefängnis, in dem die Feinde der Revolution weggesperrt wurden. Obwohl es nach wie vor für die unterschiedlichsten Zwecke benutzt wurde, machte sich über anderthalb Jahrtausende niemand die Mühe, das Römische Theater von Orange instandzuhalten oder zumindest notdürftig zu reparieren. So verlor es bis auf die Bühnenwand und die untersten drei Sitzreihen fast alles, was es einmal als prunkvolles Bauwerk ausgemacht hatte.

Im 19. Jahrhundert begann die Rückbesinnung

Erst im 19. Jahrhundert wurde diesem Trauerspiel ein Ende gesetzt. Der Architekt Auguste Caristie leitete ab 1824 weitreichende Renovierungsarbeiten, die schließlich im Jahr 1869 dazu führten, dass im Römischen Theater wieder Aufführungen stattfinden konnten. Vom heutigen Glanz des Theaters war man damals allerdings zwar noch weit entfernt – aber der Grundstein war gelegt. Allerdings ließ man den Gästen nun mehr Raum. Während das Theater in der Antike noch 10.000 Besuchern Platz geboten hatte, konnten nun „nur“ noch maximal 7000 Gäste die Aufführungen und Konzerte live erleben. 1981 wurde das Römische Theater schließlich in den Rang eines UNESCO-Weltkulturerbes erhoben.

Der Sommer gehört den Opernfans

Ein Besuch des römischen Amphitheaters gehört in Orange wirklich zum touristischen Pflichtprogramm. Obwohl so viele Jahrhunderte vergangen sind, ist allein die Bühnenwand immer noch ein Spektakel. Der Sonnenkönig der Franzosen, Ludwig XIV., hat sie einmal als „schönste Mauer meines Königreiches“ bezeichnet. Hier die Fakten: Die Wand ist 103 Meter lang, 37 Meter hoch und 1,80 Meter tief. Zugegeben, die prächtigen Säulen und Statuen, all der Marmor und die edlen Metalle sind längst geplündert oder zerstört worden. Die Grundstruktur aber ist in ihrer ganzen Imposanz erhalten geblieben und sorgt zudem nach wie vor für eine königliche Akustik. Kaiser Augustus, dessen über drei Meter hohe Statue noch von einer Nische über der „Porte Royale“ aus auf das Geschehen hinabblickt, dürfte das gefallen.

Opernfans und Liebhabern der klassischen Musik dürfte gefallen, was jeden Sommer von Juni bis August im Römischen Theater stattfindet. Das Festival „Chorégies d’Orange“ ist das älteste seiner Art in Frankreichs und bringt sowohl große Werke als auch große Künstler auf die Bühne.

Wer in die Geschichte eintauchen möchte, dem sei ein Besuch im August ans Herz gelegt. Dann gibt es neben den üblichen Führungen immer dienstags und donnerstags auch eine nächtliche Führung durch das Römische Theater. Über hundert Darsteller lassen die Vergangenheit von Aurasio, so der antike Name von Orange, wieder lebendig werden. Die Führung ist auch für Kinder geeignet. Sie haben bis zu ihrem 7. Geburtstag sogar freien Eintritt. Die nächtliche Führung lässt nicht nur das Römische Theater selbst erstrahlen, sondern entführt auch in den antiken Alltag von Orange als römische Kolonie sowie in das Leben der 2. Römischen Legion.

Das Römische Theater von Orange auf einen Blick

  • Erbaut im 1. Jhdt. n. Chr.
  • Im 4. Jhdt. v. Chr. geschlossen
  • Ab 1824 Sanierungsarbeiten, 1865 wiedereröffnet
  • 1981 Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe
  • Ganzjährig täglich geöffnet
  • Frankreichs ältestes Opernfestival findet von Juni bis August im Römischen Theater statt
  • Immer dienstags und donnerstags im August finden nächtliche Führungen statt
  • Das „Römische Fest“ im September lässt die antike Vergangenheit aufleben