Tendabahn – Ein bilaterales Eisenbahnabenteuer

Die Tendabahn verbindet das italienische Piemont mit dem französischen Nizza und führt dabei direkt durch die wunderschönen Seealpen.

Die Tendabahn verbindet die italienische Stadt Turin mit dem französischen Nizza. Foto: By Markus Schweiss [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Die Tendabahn verbindet die italienische Stadt Turin mit dem französischen Nizza. Foto: By Markus Schweiss [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Italien und Frankreich gehören zu den großen Lieblingen der Deutschen, wenn es um den Urlaub geht. Von Nord nach Süd, von Ost nach West durchqueren die Touristen die Landschaften und Städte, kennen alle Kathedralen, Märkte, Museen, Seen, Badeorte, Designer-Outlets und was sonst noch alles zu gelungenen Ferien dazugehört. Nur ein wahrhaft spektakuläres Großbauwerk wird dabei oft übersehen und ist trotz einer langen Geschichte so gut wie unbekannt geblieben: Die Rede ist von der Tendabahn. Sie verbindet das italienische Piemont mit dem französischen Nizza und führt dabei direkt durch die wunderschönen Seealpen. Zur Entschuldigung für all jene, die die Tendabahn bislang übersehen haben, sei gesagt, dass ihre Strecke in weiten Teilen durch Tunnel führt. Über 50 Prozent der Stammstrecke verläuft unterirdisch. Wenn sich die Bahn dann aber zwischendurch immer wieder ans Tageslicht schnauft, dann gibt es viel zu sehen. Von den kargen Felsen eines echten Hochgebirges verwandelt sich die Alpenlandschaft in Richtung Süden und Seealpen immer mehr zu einer duftenden Landschaft mit Zypressen, Oliven- und Zitronenbäumen.

Eine Fahrt mit der Tendabahn ist also für viele Menschen interessant. Wer sich für Technik und Baukunst und Lokomotiven interessiert, der kommt in den Tunneln und auf spannenden Brückenkonstruktionen auf seine Kosten. Wer in Ruhe schöne Ausblicke genießen möchte, wird sich über das gemächliche Tempo der Bahnfahrt freuen. Schließlich und endlich hat die Tendabahn auch all jenen einiges zu bieten, die sich gern mit der wechselhaften Geschichte Europas beschäftigen.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Am besten wäre es natürlich, eine Fahrkarte zu lösen und mit der Tendabahn leibhaftig durch die Seealpen zu zuckeln. Nähert man sich dem Großbauwerk zunächst theoretisch, dann lässt man am besten Zahlen sprechen. Ausgangspunkt jeder Reise mit der Tendabahn ist der Bahnhof von Cuneo, einem Ort in der Nähe von Turin. Dort muss zunächst einmal eine Entscheidung gefällt werden: Will man mit der Bahn nach Nizza in der französischen Provence? Oder lieber nach Ventimiglia an der italienischen Riviera? Die Distanz nach Nizza beträgt 121,2 Kilometer, nach Ventimiglia sind es 99,4 Kilometer mit der Bahn. Die Stammstrecke führt einspurig bis nach Breil-sur-Roya mitten in den französischen Alpen. Dort teilt sich die Strecke dann in den französischen und den italienischen Ast. Auf ihrer Reise muss die Bahn 1000 Höhenmeter überwinden, die größte Steigung beträgt dabei 25 Prozent. Das ist beinah rekordverdächtig und wird nur noch von der einer Bahn in der Schweiz übertroffen.

Unterwegs aussteigen

Der stillgelegte Bahnhof Piène an der Stammstrecke. Foto: By Markus Schweiss [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Der stillgelegte Bahnhof Piène an der Stammstrecke. Foto: By Markus Schweiss [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Natürlich kann man die Strecke von Cuneo bis Nizza oder Ventimiglia in einem Stück zurücklegen, man kann aber auch unterwegs aussteigen. Es gibt diverse Bahnhöfe und an vielen lohnt es sich unbedingt, eine Pause einzulegen. Wer mag, kann so mit einem einzigen Zugticket gleich mehrere Tagesausflüge planen. Ein echtes „Muss“ ist ein Besuch des französischen Nationalparks „Parc du Mercantour“. Er befindet sich auf einer Höhe von rund 2000 Metern und bietet im „Tal der Wunder“ („Vallee des Merveilles“) Felsgravuren, die aus der Bronzezeit stammen. Es ist ratsam, sich dafür einer der Führungen anzuschließen, die im Sommer täglich angeboten werden. Ausstiegsbahnhof für diesen Besuch ist St. Dalmas. Wenn es statt Natur lieber ein paar romantische Ortschaften sein sollen, dann sind die mittelalterlichen Kleinstädte Saorge und Tende eine Empfehlung. Gourmets kommen in Breil sur Roya auf den Geschmack. Die Stadt ist für ihre exzellenten Oliven berühmt. Fontan dagegen verdankt seinen Ruf seinem Quellwasser sowie der Kirche „Notre Dame des Fontaines“. Dort kann man Wandgemälde aus dem 15. Jahrhundert bewundern – und natürlich einen kräftigen Schluck Wasser nehmen.

Auch die Geschichte fährt mit

Eine Eisenbahn, die an einer europäischen Grenze entlangführt und zwei Länder verbindet. Kann das auf Dauer gutgehen? Vielleicht in der Zukunft, in der Vergangenheit aber gab es immer wieder Probleme. Schon die Planungen waren ein hartes Stück Arbeit, aber 1883 war es endlich so weit. Der erste Spatenstich erfolgte bei Cuneo und man kam durchaus zügig voran. Der Erste Weltkrieg allerdings brachte die Arbeiten zum Erliegen, erst 1921 ging es weiter. Sieben Jahre später war auch das letzte Teilstück fertig und die Bahn wurde unter großem Jubel sowohl der italienischen als auch der französischen Bevölkerung eingeweiht.

1939 kam dann der nächste Schock. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde der grenzüberschreitende Verkehr so gut wie völlig eingestellt. Als 1940 Frankreich und Italien dann auch noch unmittelbare Kriegsgegner wurden, kam es sogar zu ernsthaften Beschädigungen des Streckensystems und einiger Bahnhöfe. Die Strecke wurde später natürlich wieder repariert, man nahm jedoch nicht mehr sämtliche Bahnhöfe wieder in Betrieb. Die Tendabahn konnte auch ihre einstige wirtschaftliche Bedeutung nie wieder ganz zurückgewinnen. Als im April 2013 allerdings Pläne zu ihrer Schließung bekanntwurden, gab es sowohl in Frankreich als auch in Italien heftige – und erfolgreiche – Proteste.