Abtei Ganagobie – Ein geistliches Mosaik aus Landschaft und Architektur

Wer von Aix-en-Provence aus auf der A51 in Norden unterwegs ist, der kann die Abfahrt nur schwer verfehlen. Aber auch aus allen anderen Richtungen lohnt es sich, während eines Urlaubs in der Provence einen Tagesausflug zur Abtei Ganagobie zu machen. Was den Besucher dort erwartet? Grandiose Ausblicke in das Tal der Durance, eine romanische Kirche mit wirklich sehenswerten Mosaiken und, mit etwas Glück, die meditativen Gesänge von Benediktinermönchen.

Es ist ein schönes Fleckchen Erde, an dem sich die „Abbaye Notre-Dame de Ganagobie“, so der französische Name der Abtei, heute befindet. So schön, dass er schon in prähistorischen Zeiten besiedelt gewesen ist. Natürlich waren die Römer hier. Aber Archäologen haben herausgefunden, dass es selbst in der Bronzezeit, also etwa vor gut 4000 Jahren, hier schon menschliches Leben und Begegnung gegeben hat. Die Kirche, die heutzutage die Hauptsehenswürdigkeit auf dem kleinen Berggipfel darstellt, ist dagegen vergleichsweise jung. Sie wurde „erst“ im 12. Jahrhundert erbaut, zusammen mit einem Kloster des Benediktinerordens. Nach wie vor wohnen und arbeiten hier Mönche. Deshalb ist das Kloster selbst nicht öffentlich zugänglich. Die Mönche unterhalten aber einen Laden, der, abgesehen von einer Mittagspause, tagsüber geöffnet ist.

Apropos Öffnungszeiten. Ein Ausflug zur Abteil Ganagobie sollte gut geplant werden. Die Kirche ist für Besucher nämlich während der Woche nur nachmittags, jeweils von 15 bis 17 Uhr zugänglich. An Montagen bleibt sie manchmal geschlossen, an Sonntagen kann man morgens um neun Uhr an der Messe, am Nachmittag um 17.30 an einem Vespergottesdienst teilnehmen.

Mosaiken der ganz besonderen Art

Die meisten Gäste freilich kommen wegen der wunderbar ruhigen und friedlichen Atmosphäre der Abtei und, natürlich, wegen der berühmten Mosaiken in der Kirche. Es gibt in ganz Frankreich nichts Vergleichbares!

Bei Mosaiken denkt man automatisch an kleine Steinwürfel, die zu Bildern und Mustern zusammengesetzt werden. Nicht so in der Abtei Ganagobie. Hier wurden keine Steinwürfel, sondern erstmals kleine Steinpyramiden verwendet. Sie konnten dem unebenen Untergrund besser angepasst werden. Die Oberfläche der Steine ist zwar rechteckig, aber, anders als in der Antike üblich, nicht quadratisch. Insgesamt kommt das der rustikalen Umgebung, in der sich das Fußbodenmosaik befindet, stilistisch sehr entgegen.

Nicht nur der technische Stil der Mosaiken, auch die Steine selbst haben einen ausgesprochen regionalen Bezug. So stammt etwa der rote Sandstein, der von den Künstlern oft für den Hintergrund gewählt wurde, aus Steinbrüchen der Provence. Das Weiß, mit dem grafische Motive und Tierdarstellungen gearbeitet wurden, ist Marmor aus dem nahen Embrun, die schwarzen Mosaiksteine stammen aus Lias. Dieser Ort ist nicht weit von Toulouse entfernt.

Hört sich das nach zu viel provenzalischer Heimatgeschichte an? Man kann selbstverständlich auch einen übergeordneten Standpunkt beziehen und ganz einfach den großartigen Gesamteffekt des riesigen Bodenmosaiks genießen. Wilde Tiere, Mäander, Bänder, Knoten, kämpfende Ritter – in der Abtei Ganagobie liegt dem Besucher die Symbol- und Bildwelt des Mittelalters im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen. Wer die Sache weniger kunstwissenschaftlich betrachten möchte, erfreut sich einfach an der Schönheit. Und an einem heißen Tag kurz die Schuhe ausziehen und die kühlen Steine unter dem bloßen Fuß wirken lassen!

Und was bitte hat es nun mit diesen Gesängen auf sich?

Nicht nur die Augen, auch die Ohren können in der Abtei Ganagobie einiges erleben. Das Kloster ist zwar nicht öffentlich zugänglich, aber die Stimmen der Benediktiner, die hier leben, sind deutlich zu vernehmen. Mehrmals am Tag stimmen sie der Ordenregel entsprechend ihre Gesänge an und haben dafür, vor allem im Sommer, oft ein dankbares Publikum. Da die Regeln seit Jahrhunderten feststehen, kann man sich darauf verlassen, dass die Gesänge in der Woche morgens um fünf, um sieben und um neun Uhr erklingen, dann um 12 Uhr, um 13.30, 17.30 und 20 Uhr.

Nicht gleich wieder wegfahren

Nach dem Besuch der Klosterkirche bieten sich einige schöne Spaziergänge. Vom Kloster bis zum Aussichtsplateau sind es zum Beispiel nur wenige hundert Meter. Das Dorf Ganagobie ist etwa einen Kilometer entfernt und bietet sich als Ziel für eine kleine Pause an. Ebenfalls nicht weit ist es bis zu einer einbogigen Römerbrücke. Sie stammt aus dem 2. Jahrhundert und wird bis heute fleißig genutzt. Möglicherweise war sie einst Teil der historischen Via Domitia, die Rom mit Spanien verband.

Abtei Ganagobie in aller Kürze

  • Die Abtei liegt auf einer Anhöhe am Ufer der Durance im Département Alpes-de-Haute-Provence
  • Das Kloster selbst ist nicht öffentlich zugänglich, die Klosterkirche aber kann nachmittags besucht werden
  • Einzigartige Mosaiken in ungewöhnlicher Technik mit mittelalterlichen Motiven
  • Regelmäßig mehrmals am Tag ertönen Mönchsgesänge