Schlucht von Verdon: Der Grand Canyon Frankreichs

Der türkisfarbene Fluss Verdon fließt durch die etwa 21 Kilometer lange und bis zu 700 Meter tiefe Schlucht von Verdon.

Der türkisfarbene Fluss Verdon fließt durch die etwa 21 Kilometer lange und bis zu 700 Meter tiefe Schlucht von Verdon. Umgangssprachlich wird sie auch Grand Canyon du Verdon genannt.

Der Fluss Verdon beginnt nach der Stadt Castellane und endet nahe Moustiers-Sainte-Marie im Stausee Lac de Sainte-Croix. Um ihn herum erhebt sich einer der größten Canyons Europas aus der Erde und zieht jährlich Millionen Touristen an. Die etwa 21 Kilometer langen und bis zu 700 Meter tiefen Schluchten des Verdon heißen auf französisch Gorges du Verdon. Seine steil nach unten fallenden Felswände erzeugen Höhenangst auf der einen Seite und Faszination auf der anderen. Unter den Menschen in der Provence gelten die Schluchten als „Grand Canyon Frankreichs“.

Im Jahre 1905 begann der erste Abstieg

Circa 50 Kilometer von Nizza entfernt befindet sich eine der größten und schönsten Schluchten Europas. Die Schluchten des Verdon sind eine einzigartige Landschaft, die 1997 sogar zum Nationalpark ernannt wurde. In zwei Richtungen können die Schluchten umrundet werden: Von der nördlichen Lavendelstraße aus über Moustiers-Sainte-Marie oder über Castellane und der südlichen Corniche Sublime. Erstmals zogen die Schluchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Abenteurer an. Der französische Hydrogeologe Édouard-Alfred Martel war der erste, der in die Tiefen hinunterstieg. Im Sommer 1905 machte er sich mit einigen Kollegen auf den Weg und startet die mehrtägige Expedition. Treibholz und die schweren Ruderboote hinderten die Männer an einem schnellen Vorankommen. 1928 veröffentlichte Martel das Buch „La France ignorée, Sud-est de la France“, in dem er von dem Trip schreibt: „Wir sind am Ende unserer Kräfte und staunen nur noch. Ein Höhlendach am rechten Ufer, eine wahre Grotte des Styx, scheint den Verdon zu verschlucken. Hier ist das Weiterkommen unmöglich.“ Damals wurde Martel von Isidore Blanc begleitet.

Steile Hänge, imposante Tiere

Der Gänsegeier ist durch seine imposante Größe und die deutlich zweifarbigen Flügel kaum zu verwechseln.

Der Gänsegeier ist durch seine imposante Größe und die deutlich zweifarbigen Flügel kaum zu verwechseln.

Die Wanderung entlang des Weges „Sentier Blanc-Martel“ dauert circa sechs Stunden und ist mit seinen Hangelpassagen und Steilstufen voller Tücken. Bergauf, bergab, bergauf, bergab – um die ungefähre Route des schwierigen Pfades zu beschreiben. Er führt durch bis zu 700 Meter lange und dunkle Felstunnel und über steile Treppen mit 252 Stufen. Während des Wanderns ist ein Tier nicht zu übersehen: Der Gänsegeier. Viele dieser imposanten Tiere tummeln sich rund um und in den Schluchten des Verdon. Nachdem sie im 20. Jahrhundert ausgestorben waren, wurden sie 1999 wieder eingeführt. Die Aasfresser sind bis zu einem Meter lang und verfügen über eine Spannweite von oftmals mehr als 2,60 Metern. Da Gänsegeier in Kolonien in Felsen brüten, ist die Schlucht von Verdon nahezu perfekt für die Tiere.

Fünf Staudämme für den Verdon

Dort wo die Verdonschluchten ihr Ende nehmen, im Lac de Sainte-Croix, ist das Bootfahren sehr beliebt.

Dort wo die Verdonschluchten ihr Ende nehmen, im Lac de Sainte-Croix, ist das Bootfahren sehr beliebt.

Der Verdon benötigte fünf Staudämme, um zur Ruhe zu kommen. Neben dem Lac de Castillon am Oberlauf des Verdon gehört der Lac de Sainte-Croix zu den attraktivsten der künstlichen Wasserspeicher. Der Lac de Sainte-Croix ist ein Traum. Türkisblaues Wasser, wie man es sonst nur von Karibik kennt. Sofort möchte man kopfüber ins Wasser springen, wozu wir allerdings nur in der Hochsaison raten können. Bis dahin ist der Verdon ein kalter Alpenfluss, der seine Farbe dem hohen Fluorgehalt zu verdanken hat.

Mehr als 2.000 Hektar fruchtbares Land wurden überschwemmt, um den Lac de Sainte-Croix zu kreieren. Sogar ein ganzes Dorf musste verschwinden. Einst sollte der Stausee noch größer werden, doch der Widerstand vor Ort war zu groß.

Das Dorf, welches dem „schönsten See der Provence“ weichen musste, wurde circa 400 Meter weiter an einer höheren Stelle wieder aufgebaut. Vieles, wie zum Beispiel die Glocken der Kirche, konnte erhalten werden. Auch ein alter Brunnen wurde gerettet. Die mehr als 240 Einwohner des Dorfes leben nun nicht mehr von der Landwirtschaft, sondern vom Tourismus. Denn immerhin gehört der Ort zu den wenigen, die direkt am Lac de Sainte-Croix liegen.

17. Juni 2015