Eilmeldung: Germanwings-Airbus stürzt in Südfrankreich ab

In der Provence ist heute Morgen ein Airbus der deutschen Fluglinie Germanwings abgestürzt. Das Flugzeug mit 150 Menschen war unterwegs von Barcelona nach Düsseldorf.

In der Provence ist am Dienstagmorgen ein Airbus der deutschen Fluglinie Germanwings abgestürzt. Das Flugzeug mit 150 Menschen war unterwegs von Barcelona nach Düsseldorf.

Die Maschine ist circa hundert Kilometer nördlich von Nizza zu Boden gegangen. Der Airbus A320 ist am Dienstag, den 24. März 2015 um 10.41 Uhr in einer Höhe von 1.500 Metern mit einer Geschwindigkeit von 800 Km/h auf den Berg Estrop geprallt. Das Flugzeug war von Barcelona auf dem Weg nach Düsseldorf. Keiner der 144 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder hat überlebt. An Bord befanden sich 72 Deutsche.

Laut der französischen Staatsanwaltschaft war der Co-Pilot Andreas Lubitz alleine im Cockpit und leitete bewusst einen Sinkflug ein. Der Flugkapitän versuchte, zurück ins Cockpit zu gelangen, doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Das legen die Aufnahmen des Stimmrekorders nahe, die Ermittler auswerten konnten. „Es sieht so aus, als habe der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört„, so Staatsanwalt Brice Robin.

Die Auswertung der zweiten Blackbox des Airbus bestätigt die These von einem absichtlich verursachten Absturz. Der Co-Pilot habe den Autopiloten wiederholt so verändert, dass die Geschwindigkeit im Sinkflug der Maschine beschleunigt wurde. Die Erklärung der französischen Luftverkehrs-Untersuchungsbehörde Bea im Wortlaut: „Der Flugdatenschreiber (FDR, Flight Data Recorder) ist am gestrigen Abend in die Räumlichkeiten der Bea gebracht worden. Die Teams der Bea haben gleich nach der Ankunft mit den Arbeiten zur Öffnung begonnen. Eine erste Auswertung zeigt, dass der im Cockpit anwesende Pilot den Autopiloten genutzt hat, um das Flugzeug in einen Sinkflug auf eine Höhe von 100 Fuß zu bringen, dann hat der Pilot während des Sinkflugs mehrfach die Einstellungen des Autopiloten geändert, um die Geschwindigkeit des sinkenden Flugzeugs zu erhöhen. Die Arbeiten werden fortgesetzt, um den präzisen faktischen Ablauf des Flugs festzustellen.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat bei der Durchsuchung der Wohnung von Co-Pilot Andreas Lubitz ein Tablet gefunden und dieses ausgewertet. „Der Browserverlauf war nicht gelöscht, insbesondere konnten die in der Zeit vom 16.03. bis zum 23.03.2015 mit diesem Gerät aufgerufenen Suchbegriffe nachvollzogen werden„, heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. „Danach hat sich der Nutzer zum Einen mit medizinischen Behandlungsmethoden befasst, zum Anderen über Arten und Umsetzungsmöglichkeiten einer Selbsttötung informiert. An mindestens einem Tag hat sich der Betreffende darüber hinaus über mehrere Minuten mit Suchbegriffen über Cockpittüren und deren Sicherheitsvorkehrungen auseinandergesetzt.“ Die Beamten stellten außerdem Anti-Depressiva sicher.

Ein Foto von Co-Pilot Andreas Lubitz wurde auf Twitter veröffentlicht.

Ein Foto von Co-Pilot Andreas Lubitz wurde auf Twitter veröffentlicht.

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gab bekannt, dass während der Ausbildung bei Lubitz „Suizidalität“ festgestellt wurde. Der Co-Pilot galt also vor mehreren Jahren als suizidgefährdet. Wörtlich heißt es in einem aktuellen Statement der Ermittlungsbehörde: „Der Co-Pilot war vor mehreren Jahren – vor Erlangung des Pilotenscheines – über einen längeren Zeitraum mit vermerkter Suizidalität in psychotherapeutischer Behandlung. Im Folgezeitraum und bis zuletzt haben weitere Arztbesuche mit Krankschreibungen stattgefunden, ohne dass Suizidalität oder Fremdaggressivität attestiert worden ist.“ Im Jahre 2009 informierte Lubitz die Lufthansa-Schule darüber, dass er seine Ausbildung aufgrund von Depressionen unterbrach. Daraufhin habe er die erneuten Eignungstests allerdings bestanden.

Laut Lufthansa-Chef Spohr begann Andreas Lubitz (27) aus Montabaur seine Ausbildung als Co-Pilot im Jahre 2008. Danach habe es eine Unterbrechung der Ausbildung gegeben, in der er als Flugbegleiter arbeitete. Nach der Pause von sechs Monaten die Eignung von Lubitz wieder bestätigt. „Seit 2013 war er als Co-Pilot, als 1. Offizier auf dem Airbus tätig„, so Spohr. Inzwischen ist allerdings bekannt, dass Lubitz seine Ausbildung aufgrund von Depressionen abgebrochen hatte. Die Ermittler der Staatsanwaltschaft Düsseldorf haben in der Wohnung des Co-Piloten Lubitz aktuelle und auch den Tattag betreffende Krankschreibungen gefunden. Weiter heißt es in einer Mitteilung: „Der Umstand, dass dabei u.a. zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen gefunden wurden, stützt nach vorläufiger Bewertung die Annahme, dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat.

Das französische Magazin „Paris Match“ hat Zugang zu den Aufzeichnungen des Voice-Rekorders aus dem Cockpit. Sie fertigten ein Protokoll der Ereignisse an:

  • 10 Uhr: Das Flugzeug hebt ab.
  • 10:10 Uhr: Kapitän Patrick Sonderheimer wendet sich an seinen Co-Piloten: „Ich hatte vor dem Start keine Zeit, auf die Toilette zu gehen.“ Andreas Lubitz antwortet: „Geh, wann Du willst.
  • 10:27 Uhr: Das Flugzeug hat die Flughöhe von 38.000 Fuß (11.500 Meter) erreicht. Der Kapitän bittet Lubitz, zu verifizieren, dass das Flugzeug in den Landeanflug übergehen kann. Andreas Lubitz tut dies und äußert sich: „Du kannst gehen. Du kannst jetzt gehen.
  • 10:28 Uhr: Der Kapitän öffnet seinen Sicherheitsgurt, dann öffnet er die Tür und sagt zum Co-Piloten: „Du hast jetzt die Kontrolle.“ Lubitz antwortet mit leiser Stimme: „Hoffentlich.
  • 10:30 Uhr: Andreas Lubitz ist nun allein im Cockpit. Er verriegelt die Tür mit dem „Lock“-Knopf. Es ist nun nicht mehr möglich, die Tür von außen zu öffnen. Dann hört man, wie der Autopilot neu programmiert wird, so dass der Sinkflug beschleunigt wird.
  • 10.33 Uhr: Das Flugzeug verliert pro Minute 900 Höhenmeter. Die Fluglotsen bemerken ein Problem und versuchen mehrmals, Kontakt zum Flugzeug aufzunehmen. Lubitz antwortet nicht. Stattdessen hört man, wie der Kapitän versucht, die Tür zu öffnen. „Ich bin’s„, sagt er und klopft an die Tür. Er schaut in die Kamera, Lubitz sieht ihn, reagiert aber nicht. Daraufhin nimmt der Kapitän eine Sauerstoff-Flasche oder einen Feuerlöscher, um die Tür aufzubrechen. Noch immer antwortet Lubitz nicht. Der Kapitän ruft: „Um Himmels Willen, öffne diese Tür.
  • 10:34 Uhr: Ein erster hörbarer und sichtbarer Alarm setzt ein: „SINK RATE, PULL UP.“ Keine Reaktion des Co-Piloten. Durch die Cockpit-Tür hört man erstmals Geräusche von den Passagieren, die im Gang laufen.
  • 10:35 Uhr: Der Kapitän verlangt nach der Brechstange, die sich im hinteren Teil des Flugzeugs befindet. Noch lautere Schläge gegen die Tür sind zu hören, anschließend metallische Geräusche: Der Kapitän versucht, die Tür mit der Brechstange zu öffnen.
  • 10:37 Uhr: Ein zweiter Alarm geht los: „TERRAIN, PULL UP.“ Noch immer keine Reaktion. Der Kapitän ruft: „Öffne diese verfluchte Tür.
  • 10:38 Uhr: Trotz der ohrenbetäubenden Geräusche kann der Atem von Co-Pilot Lubitz deutlich vernommen werden: Er hat sich eine Sauerstoffmaske übergezogen und atmet ganz normal. Das Flugzeug befindet sich auf 4.000 Metern Höhe.
  • 10:40 Uhr: Ein gewaltiges Geräusch kommt von außen, zugleich laute Schreie im Inneren: Der Airbus hat mit seinem rechten Flügel den Berg berührt. Keine weiteren Geräusche, nur der Alarm und das Schreien der Passagiere.
  • 10:41 Uhr: Das Flugzeug prallt in einer Höhe von 1.500 Metern mit einer Geschwindigkeit von 800 Km/h auf den Berg Estrop.

In der Regel ist die Cockpit-Tür des A320 mit drei elektrischen Riegeln abgeschlossen. Die im normalen Zustand verriegelte Tür kann von innen manuell geöffnet werden. Sollte im Cockpit niemand reagieren, kann die Tür mit einem Code entriegelt werden. Der Code erlaubt ausgewählten Mitarbeitern den Eintritt ins Cockpit, ohne dass der Pilot den Zugang autorisieren muss. Dieses Video erklärt die Entriegelung der Tür:

Nun verschärfen die größten deutschen und mehrere internationale Fluggesellschaften ihre Cockpit-Vorschriften. Künftig müssen sich demnach immer mindestens zwei Crew-Mitglieder im Cockpit aufhalten. Das neue Verfahren soll laut Matthias von Randow Randow, Chef des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), unverzüglich eingeführt werden.

Die französische Behörde für Luftfahrtsicherheit BEA France hat ein Foto des Stimmenrekorders, der zwar beschädigt aber auswertbar sei, aus dem Cockpit der Unglücksmaschine veröffentlicht. Die zweite Blackbox, der Flugdatenschreiber, wird noch gesucht. Die Hülle sei zwar entdeckt worden, aber noch nicht die Blackbox selbst.

Der regionale Polizeichef Laurent Jaumatre gab bekannt, dass es mindestens eine Woche dauern könnte, bis alle Opfer geborgen sind. Auch der französische Innenminister Bernard Cazeneuve erwartet, dass die Bergungsarbeiten „Tage oder Wochen“ dauern.

Germanwings schreibt auf seiner Internetseite: „Wir müssen leider bestätigen, dass Flug 4U9525 auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf über den französischen Alpen verunglückt ist. Es handelt sich um ein Flugzeug vom Typ A320. An Bord waren 144 Passagiere und 6 Crew-Mitglieder. Lufthansa und Germanwings haben eine Telefon-Hotline geschaltet: Unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 11 33 55 77 können sich Angehörige von Fluggästen melden und werden dort betreut. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Germanwings und der Lufthansa sind in tiefer Betroffenheit mit ihren Gedanken und Gebeten bei den Angehörigen und Freunden der Passagiere und Besatzungsmitglieder.

Das Unglück hat sich in der Region von Barcelonnette in den südlichen Alpen ereignet. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hätten Gendarmerie-Hubschrauber Trümmerteile entdeckt, die über eine Fläche von zwei Quadratkilometern verstreut sind. In rund 2.000 Metern Höhe liegt der Absturzort, der schwer zugänglich ist. Die Gegend verfügt über zerklüftete Strukturen mit Gletschern und wird den Rettungskräften viel abverlangen. Nur per Hubschrauber ist die Region rasch zu erreichen.

Flug 4U9525 sollte um 9:35 Uhr in Barcelona starten, hob aber laut Flightradar24.com erst um 10 Uhr ab. Die Landung in Düsseldorf sollte um 11:55 Uhr stattfinden. Laut der Internetseite riss das Signal auf einer Flughöhe von circa 2.100 Metern ab. Das Flugzeug sank den Angaben zufolge um etwa 3.000 bis 4.000 Fuß pro Minute, also etwa 900 bis 1.200 Meter pro Minute. Der Airbus befand sich demnach nicht im Sturzflug.

Laut Germanwings erreichte die Maschine ihre Reiseflughöhe gegen 10:45 Uhr, eine Minute später verließ das Flugzeug diese Höhe aber wieder. Der Airbus sei aus unbekannten Gründen in einen acht Minuten andauernden Sinkflug gegangen. Dann sei der Kontakt zur französischen Flugsicherung abgebrochen und die Maschine abgestürzt. Nach Informationen der französischen Luftfahrtbehörde DGAC wurde der Notruf durch die Luftraumkontrolle ausgelöst, nicht aber durch die Besatzung des Flugzeugs. Die DGAC schlug Alarm, als sie keinen Kontakt mehr zu dem Airbus bekommen konnte. Laut Germanwings-Sprecher Winkelmann soll der Kapitän des Flugzeugs mehr als 6.000 Flugstunden mit Airbus-Maschinen geflogen und seit rund zehn Jahren im Dienst von Germanwings und der Lufthansa gewesen sein.

In ganz Deutschland weigerten sich Dienstag und auch Mittwoch etliche Germanwings-Crews, ihr Flugzeug zu betreten. In Düsseldorf gab es die Auskunft, dass sich die Crews zurückgezogen hätten, um über ihre „Fluguntauglichkeit“ zu beraten. Es gebe „in der Tat Germanwings-Crews, die heute ihren Dienst aus persönlichen Gründen nicht antreten konnten„, bestätigte ein Lufthansa-Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE. Hintergrund dieser „Streiks“ ist offenbar die Tatsache, dass die Unglücksmaschine gestern aufgrund technischer Probleme einige Stunden im sogenannten AOG-Modus („Aircraft on Ground“) in Düsseldorf gestanden hat. Es habe ein „Problem an der ‚Nose Landing Door‘“ gegeben, bestätigte Lufthansa. Die „Nose Landing Door“ ist die Klappe, die sich am Rumpf öffnet und schließt, wenn das Bugrad raus- und reingefahren wird. Laut des Sprechers wurde „dieses Problem vollständig behoben, sodass das Flugzeug seit 10 Uhr gestern Vormittag wieder im regulären Flugdienst unterwegs war„.

Nach Informationen der Website Airfleets.net war die Maschine circa 24 Jahre alt und wurde am 6. Februar 1991 an die Lufthansa ausgeliefert (Germanwings ist ein Tochterunternehmen der Lufthansa). Seinen Jungfernflug hatte das Flugzeug am 29. November 1990. Sie sammelte bei rund 46.700 Flügen circa 58.300 Flugstunden. Damit gehörte der Airbus zu den ältesten noch in Betrieb stehenden A320.

24. März 2015